Die letzte Nacht in Puerto Natales wollten wir eigentlich in einem Hostel verbringen. Da wir keines vorab gebucht hatten, liefen wir einfach ein paar ab, bevor wir die Entscheidung für eines trafen. Als wir beim Abendessen im Gemeinschaftsraum mit den anderen Hostelgästen saßen, kam plötzlich die Sprache auf Bettwanzen (ein nicht unbeliebtes Thema bei Rucksack- oder Langzeitreisende). In mir gingen natürlich alle Warnleuchten an, als der ein odere andere Gast plötzlich so einen komisch juckenden Punkt am Arm zeigte. Jan war auch beunruhigt und suchte vor dem Zubettgehen unser Stockbett penibel ab. GUT WAR’S! Denn tatsächlich saß eine Bettwanze im Bettrahmen. Es war schon kurz nach 23.00 Uhr aber für uns hieß es nichts wie raus. Wir schnappten unsere Rucksäcke und zogen in das Hotel eine Gasse weiter. Nach zwei nicht so entspannten Nächten im Auto waren wir einfach zu müde, um lang nach einer Alternative zu suchen und so verbrachten eine sehr kurze Nacht, in einem entzückenden Luxushotel für den 4-fachen Zimmerpreis.

Unser Bus nach El Calafate, Argentinien ging sehr zeitig in der Früh. Die Busfahrt dauerte in etwa sechs Stunden, natürlich mit Aus- und Einreise. El Calafate erinnerte uns sehr stark an Banff, Kanada. Der Ort wurde durch die Hauptstraße bestimmt an der sich Bars, Cafes, Souvenirläden, Tourenanbieter und Outdoorläden aneinander reihten. Alles war für den Tourismus ausgelegt. In den Seitengassen befanden sich in etwas ruhigerer Lage Hotels und Hostels. Wir wollten auch nicht lange hierbleiben und begaben uns direkt nach der Ankunft auf Recherche nach einer weiteren Busverbindung und nach einer Tour zum Perito Moreno Gletscher. Ausserdem mussten wir unseren Flug buchen, denn wir wollten noch ans Ende der Welt!

Gleich am nächsten Morgen fuhren wir zum Perito Moreno Gletscher. Ok, ich muss sagen, alles was wir je an Gletschern oder Eisberge gesehen haben war Kindergeburtstag. DAS ist ein Gletscher! Obwohl es einer der touristischsten Ausflugsziele in Patagonien ist, empfehlen wir wirklich jedem diesen Gletscher in seine Route mit einzubauen. Schon von Weitem ist dieses unendliche Eisfeld, mehr als beeindruckend.
Vom Besucherzentrum (ein Shuttlebus führt einem vom Besucherparkplatz regelmäßig dorthin) starten mehrere Rundwege direkt auf den Gletscher zu. Die Wege sind sehr gut ausgebaut, was zum einen natürlich viele Besucher anlockt, dafür aber auch die Vegetation und Natur vor Ort schützt. Wir gingen zuerst die Rundwege, mussten aber regelmäßig stehenbleiben und Fotos schießen. Schließlich kamen wir zu einer Aussichtplattform dort rasteten wir erstmal, aßen unsere Brotzeit und warteten bis die eine große Reisegruppe weiterzieht. Nun hatten wir Plätze in erster Reihe.
Majestätisch ragte die weisse Eiswand vor uns empor. Knapp 80 Meter hoch. Fast 30 Kilometer lang, ragt die Gletscherzunge in den türkisblauen Lago Agentino hinein. Man hatte das Gefühl, dass man das Eis fast berühren konnte. Aber nur fast. Es wäre viel zu gefährlich näher als 300 Meter an den Gletscher heranzukommen. Der Perito Moreno Gletscher ist aktiv und kalbt. Er ist einer der wenigen Gletscher, der derzeit nicht kleiner wird. Pro Tag bewegt er sich ca. zwei Meter vorwärts. Man muss dazu nichtmal still sein, um das Knacken, das Knirschen und Krachen zu hören. Regelmäßig fallen Eisbrocken und lauten Getöse ins Wasser. Ein Highlight wenn man ein gewaltiger Eisbrocken niederbricht und die Wassermaßen flutwellenartig vor sich herschiebt. Ein Naturschauspiel, das man stundenlang beobachten kann.

Eine Bootstour, die wir bereits am Vortag gebucht hatten, brachte uns noch ein Stück näher an den Gletscher dran. Ehrfürchtig atmeten wir den kalten Wind an Deck des Ausflugsbootes ein, der vom Gletscher herwehte. Wir lauschten nur dem Knacken und Knirschen der Eisfläche bis sich wieder ein Teil löste und unter tosendem Lärm ins Wasser krachte.
UNBESCHREIBLICH

Wir hatten unsere Rucksäcke bereits am Busbahnhof deponiert und konnten nach unserer Tour vom Perito Moreno Gletscher direkt den Bus nach El Chalten nehmen (Dieses Ticket hatten wir bereits am Tag zuvor, gleich nach der Ankunft am Busbahnhof gebucht).
Da wir bereits erfahren hatten, dass El Chalten keinen wirklichen Supermarkt hat und auch die einzige Bank vor Ort nicht wirklich flexibel gegenüber Touristen-Kreditkarten war, deckten wir uns mit Lebensmittel und Bargeld vorher ein. Wir hatten drei Tage für El Chalten geplant, hatten uns aber zwei Tage Puffer offen gehalten.
Vom Busbahnhof gingen wir den einen Kilometer zu Fuß zu unserem Guesthouse. El Chalten war so ein kleiner Ort, man kann dort fast alle Wege zu Fuß beschreiten. Wieder ein Örtchen, dass rein auf den Tourismus ausgelegt ist, jedoch mit wesentlich mehr Charme. Könnte natürlich aber auch an dem eindrucksvollen Bergpanorma liegen, dass El Chalten umgibt.

Am nächsten Tag schliefen wir uns erstmal aus, die Sonne strahlte und trotz Herbst war es sommerlich warm. Den Vormittag verbrachten wir in El Chalten, wir aßen in einem Cafe eine Waffel und schlenderten durch die wenigen Souvenirshops. Am Nachmittag machten wir dann eine einstündige Wanderung zum Wasserfall Chorrillo del Salto. Der Weg startet direkt am Ortsende, führt entlang des Las Vueltas River in einen Wald hinein. Der strahlend blaue Himmel mit dieser idyllischen Landschaft davor, war wie aus einem Bilderbuch. Für uns war diese kleine Tour die perfekte Aufwärmrunde für eine große Wanderung am nächsten Tag.

Wir checkten früh morgens bereits aus dem Guesthouse aus, ließen unsere großen Rucksäcke aber noch dort. Die wollten wir nach der großen Wanderung holen. Vor uns lagen mindestens drei Stunden Fußmarsch zum Bergsee der vom Gletscher Cerro Torre gespeist wird. Das Wetter war leider nicht überragend, die Wolken hingen tief am Himmel. Aber wir wollten den Tag nutzen und sind losgezogen. Die erste Stunde mussten wir einen stufenartigen Anstieg überwinden, dadurch hatten wir den anstrengsten Teil jedoch gleich anfangs hinter uns gebracht. Der Pfad führte über Steppe durch einen Wald. Es gibt einige Aussichtpunkte mit tollem Blick auf den Cerro Torre, man muss daher nicht die komplette Wanderung machen. Wir hielten an den Aussichtpunkten nur kurz um etwas zu trinken und gingen weiter. Vom Wald führte durch eine Landschaft aus Gestrüpp bis man sich irgendwann nur noch zwischen Felsen durchschlängelte. Hat man Anfangs die Stufen überwunden, windet sicher der Weg moderat konstant bergauf. Auf den letzten 20 Meter muss man nochmal eine Anhöhung überwinden bis man schließlich in das Becken der Lagune hinabsteigt. Just in diesem Moment fing es bei uns auch schon leicht an zu regnen. Egal. Wir waren nun endlich da, machten es uns auf einem Baumstamm bequem und packten unsere Brotzeit aus. Wäre es nun ein strahlend blauer Tag, wären wir vermutlich mit einem traumhaften Blick auf den Cerro Torre belohnt worden. Aber wäre, hätte, könnte… Die Wolken hingen so tief, dass man nicht mal erahnen konnte, wie hoch der Berg in den Himmel ragte. Naja egal. Wir waraen trotzdem sehr zufrieden mit uns, und immerhin war das brachgrüne Gewässer vor uns gespickt mit kleinen Eisbergen.
Ehe der Wind uns vollständig auskühlte, traten wir auch schon den Rückweg an.

Nach zwei Nächte in einem Guesthouse wollten wir uns wieder in ein Hostel wagen. Das Trauma der Bettwanzen aber noch nicht ganz überwunden, buchten wir uns ein Doppelzimmer in einem der größten Hostel in El Chalten, dem Hostel Rancho Grando. Zurück von der Wanderung holten wir unsere deponierten Rucksäcke aus dem Guesthouse und gingen ins Hostel einchecken. Wir wurden zwar sehr freundlich begrüßt aber der Rezeptionist meinte gleich er habe eine schlechte Nachricht für uns. Trotz unserer Buchung über booking.com ist er leider voll und hat keinen Platz. Er muss uns leider in das Gebäude nebenan umbuchen. Wir waren zwar etwas überrascht, folgten ihm aber durch den Hintereingang aus die Straße. Er ging mit uns in das Hotel nebenan und gab bekannt, dass wir hier zwei Nächte bleiben werden. Überrascht und immer noch verschwitzt in unseren Wanderklamotten, füllten wir den Anmeldeschein aus und liesen uns aufs Zimmer bringen. Es stellte sich heraus, dass das Hotel und das Hostel zusammen gehörten und wir wurden kurzerhand vom Hostel in ein 5-Sterne Hotel mit Frühstücksbuffet und Spabereich verlegt… und das zum Preis vom Hostelzimmer!! Waaaahhh… wir konnten unser Glück kaum fassen. Wir hatten ein riesiges Zimmer, weisse Bettlaken, alles war aus gepflegtem Holz. Das Badezimmer war so groß wie manches Hostelzimmer. Das Licht wurde abends gedimmt, das Bett nochmal extra zum schlafen gehen gerichtet. ES WAR PURER LUXUS! Da wir sowieso vorhatten den Aufenthalt in El Chalten zu verlängern, gingen wir nach einer ausgiebigen Dusche runter zur Rezeption um noch eine Nacht hinzu zufügen. Leider ginge das aber nur noch zum Standard Hotelzimmerpreis und der war das sechsfache vom Hostel.
Wir also rüber ins Hostel um um eine weiter Nacht zu verlängern, der Rezeptionist meinte aber wieder er sei voll. Sollte über booking.com jedoch noch ein Zimmer verfügbar sein, sollen wir es buchen, meinte er mit einem Augenzwickern. Wir taten, wie man uns sagte und als wir abends zurück ins Hotel kamen, wurde unsere verlängerte Buchung von der Rezeptionistin im 5-Sternehotel bereits bestätigt – wieder zum Hostelpreis. BAM!

Leider ergab sich durch das Luxushotel für uns ein Problem. Wir mussten uns weiterhin an unser Budget halten, und hatten mit einer Küche im Hostel gerechnet um selbst kochen zu können. Diese Möglichkeit bestand im Hotel leider nicht. Also wurde kurzerhand unser kleiner Gaskocher im Bad (der einzige Raum ohne Rauchmelder) aufgebaut und Hafeflocken in Fertigsuppe gekocht. Abendessen gab es dann im großen Doppelbett vor dem Fernseher.

Nach einem ausgedehnten Frühstück wollten wir so viel wie möglich das Zimmer ausnutzen, also verbrachten wir den halben Tag im Bett mit Laptop und Fernseher. Erst am frühen Nachmittag trieb uns der strahlend blaue Himmel ins Freie. Wir nutzen den Wäscheservice vom Hostel nebenan und spazierten durch das Städtchen zur Touristeninfo. Von dort konnte man einen kleinen Weg gute dreißig Minuten bergauf gehen. Oben angelangt hatte man einen schönen Blick über El Chalten und auf die Bergkette die auf jeder Ansichtskarte von El Chalten abgebildet ist – Fitz Roy. Unser Wanderziel für den darauffolgenden Tag.

Frühmorgens holte uns vom Hotel ein Shuttlebus ab, diesen kann man in jeder Unterkunft für wenig Geld nach Bedarf buchen. Es ist ähnlich wie ein Linienbus, nur dass der Fahrer eben nur anhält wenn es angemeldet wurde. Der Bus brachte uns zum Startpunkt für unsere Wanderung. Da wir nicht die selbe Strecke Hin und ZUrück gehen wollten, war das die beste Option für eine Rundwanderung. Schnell verlor sich auch die Anzahl an Personen die mit uns im Bus saßen. Wir starteten gemächlich unsere Tour. Die Wanderung war mit insgesamt acht Stunden angesetzt, also hieß es mit der Energie aushalten.
Es war eine der tollsten Touren die wir je gemacht hatten. Obwohl der Weg sehr lang war, ging er sehr moderat immer kurze Strecken bergauf und bergab. Es war kein stetiger Anstieg und viele nahezu gerade Stücke konnte man mit einem schönen konstanten Tempo zurücklegen. Was sehr angenehm war, denn wir machten wirklich viele Stops. Es gab einfach immer wieder etwas was unsere Aufmerksamkeit auf sich zog – eine farbenprächtige Raupe, ein Magellan Specht oder einfach nur der unglaubliche Blick auf die Landschaft. Der Himmel strahlte in seinem schönsten blau, die Sonne lies uns schnell unsere warmen Sachen ausziehen und die Sicht war nahezu unendlich. Immer im Augenwinkel die Spitze des Fitz Roy erkennend. Der größte Teil der Strecke verläuft durch den Wald, was bei Sonnenschein ganz angenehm war. Ca. 1,5 Stunden bevor wir unser Ziel – Laguna de los Tres – erreichten kamen wir an einem Zeltplatz vorbei. Wir mussten einen kleinen Fluss überqueren, füllten in einer kleinen Quelle nochmal unsere Wasserflaschen und dann fing der anstrengenste Teil an. Nun hieß es die Höhenmeter überwinden, die man vorher eingespart hatte. Aus dem Schatten der Bäume steigt man einen Geröllpfad entlang. Im Zick Zack schlängelte sich der Weg hinauf. Und dann standen wir plötzlich an der oberen Kante der Lagune. In der kraterartigen Schlucht lag im schönsten türkisblau der See, umgeben von braumen Geröll. Die weisse Granitspitze des Cerro Fitz Roy spiegelte sich in der glatten Wasseroberfläche. Dieses Gefühl nach 4,5 Stunden Fußmarsch mit so einer Aussicht belohnt zu werden, bei schönstem Herbstwetter – UNBESCHREIBLICH!

Wir stiegen die Böschung hinab und suchten uns einen Felsen um uns zu setzen. Während wir unsere Brotzeit aßen und uns am Blick kaum sattsehen konnten, hörten wir immer wieder eine Art donnern. Ein herannahendes Gewitter konnte es nicht sein, keine Wolke war am Himmel. Irgendwann bemerkten wir, dass auch dieser Berg arbeitete und über das Schneefeld Lawinen in die Tiefe donnerten. Wir verbrachten fast zwei Stunden an der Laguna de los Tres bevor wir uns – gezwungener Maßen – auf den Rückweg machten.

Da wir uns für den Rundweg entschieden hatten, konnten wir noch lange den Blick auf die beeindruckende Felsformation genießen. Der Rückweg führte nach dem Abstieg, über Holzplanken durch eine Wiese, wieder zurück in den Wald. Das letzte Stück führte uns wieder am Las Vueltas River entlang bis wir schließlich am Ortsende von El Chalten rauskamen. An dem Punkt von dem die meisten Wanderwege wegführten. Wir füllten noch unsere Wasserflaschen bei dem angebrachten Trinkwasserhahn auf, als eine Vater mit seiner kleinen Tochter ebenfalls das Ende des Wanderweges erreichten. Sie klatschte in die Hände und rief voller Stolz: Daddy, we made it!

Wir habens auch geschafft und gönnten uns zur Belohnung ein riesiges Schnitzel mit Pommes und ein Bier im Restaurant des El Rancho Grande Hostels. Für den Abend hatten wir uns noch eine Zeit im Spa reserviert, bevor wir in unserem luxuriösen Zimmer schlafen gingen. We made it.

Am nächsten Tag nutzen wir unser Zimmer bis zur Auscheckzeit voll aus. Zu Fuß gingen wir mit unseren Rucksäcken zum Busbahnhof. Am frühen Nachmittag sollte uns der Bus zurück nach EL Calafate bringen, von wo aus wir am Tag darauf unseren Flug nahmen ans Ende der Welt

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